Vorneigung Zielfernrohr und Verstellweg

Der notwendige Verstellweg eines Zielfernrohres und die daraus resultierende Vorneigung werden oft missverstanden. In unseren Bericht zur Auswahl des richtigen Zielfernrohres sprechen wir davon, dass ein Zielfernrohr mindestens 20mrad resp. 200cm auf 100m Verstellweg haben sollte. Das möchten wir an Beispielen näher erläutern. Die Beispiele beziehen sich auf einen typischen Einsatz von 100-300m mit der Option, auch auf 1000m oder mehr zu schiessen. Deshalb ist die Einschiessdistanz 100m (Zero bei 100m).

Schlechtester Fall: Dein Zielfernrohr hat nur einen Verstellweg von 13mrad!

Zuerst etwas rechnen: 1mrad entspricht 3.44MOA resp. 20MOA Vorneigung gleich 5.81mrad. Dieses Verhälnis kannst du dir recht gut merken um jeweils eine Umrechnung grob abzuschätzen:

Grobe Faustregel: 6mrad = 20MOA

13mrad = 44.7MOA: Theoretisch könnte ich also bei 13mrad Verstellweg noch 20MOA vorneigen und hätte dann noch die 20MOA +22.35MOA = 42.35MOA Verstellweg. Dies ergibt theoretisch 12.3mrad. Damit würde ich bei kalten Umgebungstemperaturen schon auf 1000m kommen.

In der Praxis sieht das Ganze aber so aus:

Ab dem ersten Moment wenn mein Geschoss den Lauf verlässt fällt es. Auf den ersten 100m sind dies beim Kaliber .308 rund 7cm. Dazu kommt, dass die optische Achse meines Zielfernrohres 7cm über der Laufachse ist, diesen Wert muss ich also auch kompensieren können. Angenommen meine Montageschiene ist absolut parallel zur Laufachse (Null MOA Vorneigung), muss ich von Beginn an 14cm Verstellweg für das Einschiessen auf 100m einrechnen.

Daraus ergibt sich bei einer Vorneigung von 20MOA folgendes Bild:

Alle Abstände sind nicht massstäblich

Bei 20MOA Vorneigung verbleiben also 12.3mrad minus 1.4mrad = 10.9mrad Verstellweg. In diesem Moment ist jedoch nicht nur die Höhe betroffen, sondern oft auch der verbleibende seitliche Verstellweg. Eine typische Seitenkorrektur auf 1000m bei 15km/h Wind bei einem Kaliber .308 ist rund 2mrad. Wir empfehlen deshalb, um den halben Wert dieser 2mrad vom Verstellweg abzuziehen, also rund 1mrad. Gerade bei seitlicher Verstellung können in der inneren Mechanik grosse Spannungen und dementsprechend Beschädigungen resultieren, wenn man in den Anschlag dreht, deshalb ist hier Vorsicht angesagt.

Damit verbleiben noch 10.9mrad – 1mrad = 9.9mrad. Mit diesem Glas kann man also rund 870 bis 900m weit schiessen (vergleiche Korrekturtabelle für RPR). Für 1000m bräuchten wir aber rund 12 bis 13mrad, also deutlich mehr.

Ballistische Daten für die Ruger Precision Rifle in Kaliber .308

Aber das ist immer noch nicht die ganze Wahrheit. Auf dem Longrange-Platz in Frankreich haben wir z.B. folgende Situation:

  • Kurze Bahn: 540 m
  • Mittlere Bahn: 940 bis 980m
  • Lange Bahn: 1320 bis 1380m
  • Ultralange Bahn: 1610 bis 1670m

Da stehe ich nun mit meiner .308 und kann mit einem solchen Glas grad einmal die 540m schiessen. Jein. Ich kann aus dem Absehen noch eine gewisse Korrektur mittels der Skala herausholen. Unschön, weil nicht gerade benutzerfreundlich, aber im Notfall geht das. Der zweite Punkt der auch noch zu beachten ist, am Rand meiner Optik wird das Bild zunehmend schlechter, gerade bei günstigeren Gläsern. Schiesse ich mit maximaler Korrektur, dann bewege ich mich genau an diesem Rand, und damit sinkt die optische Leistung.

Nun in Kürze das Beispiel mit 20mrad Verstellweg, wie wir ihn als absolutes Minimum für ein Longrange-Glas empfehlen und einer Vorneigung von 20MOA. In diesem Fall kann ich zu obigen Wert von 9.9 mrad (bei 13mrad Verstellweg) noch 3.5 mrad hinzuzählen ((20-13)/2=3.5), damit komme ich auf 13.4 mrad. Dieses Glas funktioniert also bis 1000m, auch wenn “nur” 20MOA vorgeneigt wird!

Oft “verschwinden” auch bis zu 2mrad unerwartet. Gerade bei langsameren Geschossen, die unter 800m/s schnell sind (also z.B. die GP11 oder eine langsame .308). Oder der Lauf und die Montageschiene sind doch nicht ganz parallel oder…..Das gibt es leider immer wieder!

Es gibt wie auch schon im Bericht “Zielfernrohrkauf – auf was muss ich achten” erwähnt noch das Sonderthema “Zerostop”. Einzelne Zielfernrohre haben einen fest integrierten oder einstellbaren Zerostop. Das bedeutet dass sie bei “Null” oder leicht darunter eine mechanische Sperre haben, die verhindert, dass man über den Nullpunkt hinaus ins Minus drehen kann. Dies wird oft beim Nullen des ZF’s übersehen, und Schützen beklagen sich dann, dass ihnen nicht der ganze Verstellweg zur Verfügung steht. Hier muss der Zerostop zuerst gelöst werden. Ist er dann eingestellt und angezogen bedeutet dies, dass Z.B. bei einer Einschiessdistanz von 300m nicht mehr ins Minus gedreht werden kann. Einige Zielfernrohre verfügen hier über fünf Klicks ins Minus, wenn der Zerostop eingestellt werden kann empfiehlt es sich ihn auf Minus 10 Klicks zu justieren.

Als letztes noch eine Anmerkung zu Montagen, bei denen die Vorneigung eingestellt werden kann. Das ist eine super Sache, kostet aber richtig Geld. Und meistens liegt es ja genau an diesem Geld, dass ein günstiges Glas mit 30mm Tube und fehlendem Verstellweg gekauft wurde. Also theoretisch eine Lösung, aber es macht aus einem schwachen Glas kein Kahles oder PMII!

Fazit: Bevor du dein Zielfernrohr kaufst gilt es, dir genau zu überlegen, was du willst. Ein Glas für maximal 300m kommt gut mit 13mrad Verstellweg aus, dann brauchst du aber weder 56mm Eintrittsdurchmesser noch 25fach oder mehr Zoom. Lieber ein Glas mit 40 bis 50mm Eintritt, maximal 15 bis 18facher Vergrösserung und einer richtig guten Qualität. Alles andere sieht zwar aus wie ein Longrange Glas, ist es aber nicht. Oder du möchtest wirklich 1000m Schiessen, dann brauchst du ein wirklich gutes Glas, das einlöst, was es verspricht!

SMKSG, Alfred, Update 13.01.2020

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